Menschen mit motorischen und kommunikativen Einschränkungen und der erste Arbeitsmarkt

Menschen mit motorischen und kommunikativen Einschränkungen und der erste Arbeitsmarkt

„Projekte zur Förderung der beruflichen Teilhabe von Menschen mit schwerer motorischer Bewegungseinschränkung und schwerer Kommunikationsbeeinträchtigung“ heißt der Titel eines Artikels von Prof. Dr. phil. Gregor Renner in der „Zeitschrift für Heilpädagogik“. Hier wird über verschiedenste Projekte berichtet, die ins Leben gerufen wurden, um Menschen mit motorischen und daraus resultierenden kommunikativen Schwierigkeiten in das Arbeitsleben zu integrieren.
 
Ich selbst trage seit meiner Geburt eine Infantile Cerebralparese mit mir durchs Leben. Nicht dass mich das stören würde, ganz im Ernst, ich bin nichts anderes gewöhnt, also kann ich auch nichts vermissen. Aber natürlich komme ich trotzdem, wie ihr euch sicher denken könnt, immer wieder an einem Punkt, an dem es auch mit einer durchaus optimistischen Lebenseinstellung schwierig wird. Für mich heißt dieser Punkt „Arbeiten auf dem ersten Arbeitsmarkt“. In diesem Text möchte ich Betroffenen meine Geschichte erzählen und allen anderen, die denken, solche Themen würden sie nichts angehen, einmal die Augen öffnen. Vielleicht wird das hier auch einmal von jemandem in einem Unternehmen gelesen, der dann hoffentlich versteht, dass Menschen trotz starker Beeinträchtigung im motorischen und kommunikativen Bereich nicht auf den Kopf gefallen sind, meist große Motivation mitbringen und wenn man es ihnen ermöglicht (angepasster Arbeitsplatz etc.), sie auch die gleichen Leistungen erbringen können, wie jeder andere auch. Ja, es stimmt, dass sich in vielen Bereichen, im Vergleich zu vor 70 Jahren, schon unglaublich viel getan hat, sei es die Barrierefreiheit in den Städten oder die medizinische Versorgung. Doch wenn wir ganz ehrlich sind, werden Menschen mit starker Einschränkung in Bewegung und Sprache auf dem „ersten Arbeitsmarkt“ immer noch nicht gern gesehen! Wie mir das immer wieder bewusst gemacht wird, erzähle ich euch jetzt:
Nach meinem Realschulabschluss am Landesbildungszentrum für Körperbehinderte Halle (Saale) stand ich mal wieder vor einer schwierigen Entscheidung: Sollte ich direkt ins Berufsbildungswerk nach Potsdam gehen oder noch zwei Jahre lang die Schulbank drücken für den Erwerb der Fachhochschulreife? Letztes Jahr, in der neunten Klasse, hatte ich mir das Haus in Potsdam angesehen. Nicht, dass es mir nicht gefallen hätte, doch für mich war das alles noch so weit weg. Ich war gerade 16 geworden, meine Erfahrungen mit Internaten waren bisher auch nicht die besten. Nein, für mich war definitiv noch nicht der richtige Zeitpunkt hierfür. Außerdem schrieb ich gute Noten. Warum also nicht noch ein bisschen zur Schule gehen und dadurch später einmal bessere Chancen haben, eine Ausbildung in einem großen Unternehmen zu bekommen? Wenn ich das jetzt so schreibe, lache ich selbst über meine Gutgläubigkeit.
Also rief meine Mutter beim Schulamt an, um sich nach barrierefreien weiterführenden Schulen im Landkreis Mansfeld Südharz zu erkundigen. Die Person am anderen Ende der Leitung wusste mit dieser Anfrage erst einmal gar nichts anzufangen, so etwas passierte ihr wohl nicht allzu oft.

Doch zu unserem Glück unterrichtete ein guter Freund meines Vaters an so einer Schule im Nachbarort. Hier hatte mal ein kluger Architekt mitgedacht und sowohl einen Fahrstuhl als auch eine Behindertentoilette eingebaut. Beides wurde aber durch mich zum allerersten Mal benutzt.
Einige Lehrer waren während meiner Schulzeit hier mit der Inklusion völlig überfordert, andere beflügelte diese richtig und wieder andere behandelten mich einfach wie jeden anderen. Freunde hatte ich während dieser zwei Jahre hier an der Schule nicht wirklich aber das lag nicht unbedingt an mir, es machte einfach jeder sein eigenes Ding.
Die 11. Klasse bestand fast nur aus Praktika. Hierbei absolvierte ich acht Wochen bei der Mitteldeutschen Zeitung, dann viele Monate beim Projekte Verlag Cornelius und die letzten sechs Wochen des Schuljahres gezwungenermaßen in der Lebenshilfe. Rückblickend bin ich wirklich erstaunt, wie ich an die ja doch anscheinend relativ unkompliziert an die zwei ersten Praktikumsplätze gelangt bin. Vielleicht war es aber auch nicht einfach und ich habe es verdrängt. Keine Ahnung. Erinnern kann ich mich aber noch, dass die Dame beim Projekte Verlag meine Mutter fragte, was sie mir denn für Aufgaben geben sollte. Leute, das müsst ihr doch wissen!
 
Ich durfte dann aber doch eine sehr anspruchsvolle Aufgabe übernehmen, nämlich ganze Bücher auf Rechtschreibung, Zeichensetzung, Satzbau und Sinnhaftigkeit korrigieren. Den Sinn habe ich manchmal wirklich vergeblich gesucht. Und auch sonst war das Praktikum sehr mysteriös. Manchmal war ich mit meiner Einzelfallhelferin den ganzen Tag alleine im Haus. Ich wurde schon als richtiger Mitarbeiter gesehen, allerdings war das nicht nur positiv. Doch trotzdem war das immer noch besser, als das in der Lebenshilfe. Hier hielt ich es nur sechs Wochen aus. Danach schwor ich mir, dass mein Weg mich niemals wieder hier her führen würde.
Als sich das Praktikum im Verlag langsam dem Ende neigte, bot man mir einen Ausbildungsvertrag an, allerdings ohne echte Bezeichnung des Berufs, ohne festgeschriebene Tätigkeiten, ganz zu schweigen von einem Gehalt. Sie wollten mich als Arbeitskraft einfach nicht verlieren. Die Sache erübrigte sich dann aber sowieso, als das Geschäft insolvent ging.
Ab dem Tag schrieb ich, neben den Anforderungen einer elften beziehungsweise zwölften Klasse, an den Wochenenden auch noch Bewerbungen. Ich wurde oft zu Vorstellungsgesprächen oder Tests eingeladen, da ich ein gutes Zeugnis vorweisen konnte. Doch die meisten wussten mit mir während der Vorstellungsgespräche nicht viel anzufangen und für die Eignungstests war ich meistens zu langsam oder es gab noch hunderte Bewerber, die besser geeignet waren als ich, da sie keinerlei körperlichen Schaden hatten, flexibel oder einfach besser für den Beruf geeignet waren. Man kann ja auch nicht alles wissen!
 
Anfangs war ich unglaublich optimistisch, denn ich würde ja bald einen guten Abschluss haben und dann würden sie mich schon haben wollen. So dachte ich zumindest!
Nach schon etwa einem Dutzend Bewerbungen, tat sich ein kleiner Lichtblick auf: Mir wurde Salo empfohlen, ein Bildungsträger für Menschen mit physischen und psychischen Einschränkungen. Doch ich bewarb mich nicht als Teilnehmer so einer Maßnahme (wie ich dieses Wort hasse), sondern als Kauffrau für Büromanagement. Das Vorstellungsgespräch lief gut und auch das anschließende zweiwöchige Praktikum verlief vielversprechend. Man sagte mir, der Ausbildungsvertrag wäre schon da und es müssten nur noch bauliche und organisatorische Maßnahmen vorgenommen werden. Ich war euphorisch und dachte, dass ich es nun endlich geschafft hätte.
Doch nach meinem Praktikum, für das ich meine Winterferien geopfert hatte, meldete sich niemand. Auf meine Nachfrage hin erfuhr ich, dass es noch gar keinen Vertrag gegeben hatte. Die Umbauten waren angeblich nicht zu realisieren. Doch das waren nur Ausreden. Sie wollten mich nicht! Und so schlitterte ich nun schon zum zweiten Mal an meiner großen Chance vorbei. Ich war zerstört!
 
Doch natürlich bewarb ich mich weiter. Die Schule wurde schwieriger, da man mich so oft für Vorstellungsgespräche oder Tests befreien musste. Als sich ein Mitarbeiter der IHK, ein Freund meiner Mutter, für mich einsetzte, wurde ich zu mehreren Gesprächen bei Mercedes Benz in Halle eingeladen. Die Chefin der Personalabteilung war ein großer Fan von mir. Auch die drei Tage Probearbeiten liefen gut.
 
Aber als mich der Chef zu ersten Mal sah, war es vorbei. „Ich verstehe sie schwer und ich weiß auch nicht, welche Aufgaben wir ihr geben können!“, war alles, was er zu meiner Einzelfallhelferin sagen konnte. Damit war auch diese Sache gelaufen, der Traum einer guten Ausbildung in einem großen Unternehmen geplatzt und ich unglaublich am Boden. Doch auch meiner Familie ging das alles ziemlich nah. Der Kampf war verloren! Und so wählte ich doch den Weg des geringsten Widerstandes und meldete mich im Berufsbildungswerk in Potsdam an. Trotz einer Fachhochschulreife und eines Durchschnitts von 2,3 keine Chance!
Auch wenn ich diesen Schritt nach Potsdam mittlerweile keinen Tag mehr bereue, ist die Erkenntnis trotzdem unglaublich niederschmetternd. Hier habe ich ab September 2015 ein Berufsvorbereitungsjahr gemacht, das ließ mich abschalten, nicht mehr darüber nachdenken, was passiert war. Ich habe in dieser Zeit tolle Sachen erlebt, Freunde fürs Leben gefunden und mich einer neuen Herausforderung gestellt: selbstständig leben.
Heute toure ich alleine nach Berlin und zurück. Diese und andere Freiheiten beflügeln mich ungemein. Meine Ausbildung mache ich im Berufsbildungswerk in meinem Traumberuf, Kauffrau für Tourismus und Freizeit.
 
Doch auch hier begegne ich wieder den gleichen Schwierigkeiten: Da die Ausbildung hier auf theoretischer Basis beruht, werden Praktika benötigt, um dies zu kompensieren.
Vor ein paar Wochen hatte ich ein Vorstellungsgespräch bei der Fürst Donnersmarck-Stiftung. Man sagte mir, man hätte nicht genug Aufgaben für mich, da ich ja nicht telefonieren könne. Es müsse noch ein zweiter Praktikumsplatz gefunden werden, um genug praktische Erfahrungen sammeln zu können. Doch vor zwei Tagen rief die Stiftung meine Ausbilderin an (nicht mich) und ließ die Sache komplett platzen.
Weitere Absagen habe ich von einem inklusiven Hotel und von der Lebenshilfe erhalten, die mir zum jetzigen Zeitpunkt, aufgrund ihrer nicht vorhandenen Barrierefreiheit kein Praktikum zusichern kann. Welch´ eine Ironie, dass gerade solche Betriebe für Menschen mit Behinderung nicht als Praktikumsplatz dienen können!
Also schreibe ich nun wieder Bewerbungen. Es gibt Tage, an denen ich unglaublich motiviert bin, dann wieder Tage, an denen ich aufwache und mir denke, dass dies doch nur ein schlechter Traum sein kann.
 
Ganz ehrlich: Ich kann nicht mehr! Auch wenn der Satz „Lass dich nicht unterkriegen!“ sicher lieb gemeint ist, kann ich ihn nicht mehr hören, denn die Situation zwingt mich im Moment wirklich in die Knie. Was habe ich verbrochen? Ich bin so geboren, kann also absolut nichts für meine Behinderung und außerdem bin ich auch stolz, so durchs Leben „gehen“ zu können. Dass ich intelligent bin, habt ihr ja hoffentlich spätestens mit diesem Text gemerkt.
Ich denke, ich spreche auch für ganz viele andere Betroffene, wenn ich sage: Wir möchten nicht Teil von irgendeinem Projekt sein und auch nicht aus Mitleid genommen werden. Wir möchten, dass ihr uns wollt, weil ihr von unserer Leistung überzeugt seid. Liebe Arbeitgeber, ihr wisst doch sicherlich, dass sich nicht alle beeinträchtigten Menschen in Werkstätten unterbringen lassen, ihr der Konfrontation also nicht aus dem Weg gehen könnt! Gebt uns eine Chance und ihr werdet es nicht bereuen!
 
Vielen Dank für eure Aufmerksamkeit!

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